Kommentar: Die KI-Skepsis des Mittelstands ist teurer als jedes Experiment

Es gibt einen Satz, den man derzeit in vielen Betrieben hört, wenn das Gespräch auf Künstliche Intelligenz kommt: „Wir schauen uns das an, wenn es ausgereift ist." Der Satz klingt vernünftig. Er ist es nicht.
Denn „ausgereift" ist bei dieser Technologie ein Zeitpunkt, der nie eintreten wird – jedenfalls nicht als klar erkennbarer Moment, an dem eine Glocke läutet und der risikofreie Einstieg beginnt. KI-Werkzeuge werden seit drei Jahren in einem Tempo besser, das selbst Fachleute überrascht. Wer auf den fertigen Zustand wartet, wartet auf einen Zug, der längst fährt und dabei schneller wird.
Das Déjà-vu der 2000er
Der deutsche Mittelstand hat diese Situation schon einmal erlebt. Als der Onlinehandel aufkam, war die verbreitete Reaktion dieselbe: abwarten, beobachten, das eigene Geschäft für zu speziell erklären. Zwei Jahrzehnte später kämpfen ganze Innenstädte mit den Folgen – nicht weil das Internet über Nacht kam, sondern weil andere die Lernkurve früher begonnen hatten. Der Vorsprung, der damals entstand, wurde nie wieder eingeholt.
Bei der Künstlichen Intelligenz ist die Ausgangslage sogar günstiger als damals – und das macht das Zögern umso unverständlicher. Die Werkzeuge kosten wenig oder nichts, sie erfordern keine IT-Abteilung, und die ersten sinnvollen Anwendungen liegen in jedem Betrieb offen herum: der E-Mail-Eingang, das Angebotswesen, die Texte für die Webseite. Man kann heute für unter hundert Euro im Monat ausprobieren, wofür man vor zehn Jahren ein Beratungsprojekt beauftragt hätte.
Das Risiko liegt nicht im Experiment
Natürlich gibt es berechtigte Einwände – Datenschutz, Fehleranfälligkeit, die Sorge, Mitarbeiter zu verunsichern. Aber keiner dieser Einwände spricht gegen das Experimentieren; sie sprechen für sauberes Experimentieren: mit unkritischen Aufgaben beginnen, Ergebnisse prüfen lassen, Regeln für den Umgang mit Kundendaten festlegen. Das ist keine Raketenwissenschaft, das ist ordentliche Betriebsführung.
Das eigentliche Risiko liegt woanders. Es liegt in der stillen Verschiebung der Wettbewerbslandschaft, während man wartet. Der Wettbewerber, der seine Anfragen in Minuten beantwortet. Der Ein-Personen-Dienstleister, der mit KI-Systemen die Leistung einer kleinen Agentur erbringt. Die Bewerberin, die dort anheuert, wo sie nicht ihre Abende mit Papierkram verbringt. Nichts davon steht in einer Pressemitteilung – es passiert einfach, Monat für Monat.
Der Mittelstand ist stark geworden, weil er Dinge gründlich macht. Aber Gründlichkeit heißt nicht, als Letzter anzufangen. Sie heißt, früh anzufangen und es besser zu machen als die Lauten. Die Gelegenheit dazu ist jetzt.